Klagelied für die Kreativität

31. Oktober 2010 § 2 Kommentare

Klagelied für die Kreativität

In den mitteleuropäischen Ländern, in denen ich zu Hause bin, verhält es sich mit dem Alltag so: Wenn er nicht gerade aus irgendeinem Grunde frei oder Urlaub hat, arbeitet der Mensch. Und wenn der Mensch arbeitet, funktioniert er – mehr oder weniger; die Kontroller im Spiel spüren die Lecks lückenloser Performanz lautlos auf – ; und wenn der Mensch funktioniert, produziert er: Wissen, Ware, oder WasEbenGetanWerdenMuss. (Das Letztere nennt sich der Dienstleistungssektor).

Gerade im Berufsbildungs-Sektor fällt mir – von gewissem Einblick in das Schweizer wie in das Deutsche Bildungssystem geistig profitierend – mehr und mehr die Tiefe der Spur auf, die die (dem Wunsche nach wohlsortierte) Berufswelt in den Charakter der Berufsbildung gegraben und eingeschliffen hat: gerade noch nicht zu chamäleonfarbenen Krawattenmenschen mutiert, wissen Lernende, was sie „brauchen“, was Frau und Herr Lehrperson ihnen nahezubringen gebeten (und somit verpflichtet) sind; und dementsprechend auch insbesondere, was sie „nicht brauchen“, womit Frau und Herr Lehrperson doch deshalb bitte bleiben wo der … nichtnotwendige Lehrinhalt in der schlauen Schublade zu Sediment mutiert.

Abhängig von linkshirnigen Lenkenden entwickeln Berufslernende überlebensnotwendig den Pragmatismus des fast willenlosen „Was-brauche-ich-das-konsumiere-ich“; dass Lernen fürs Leben leicht leere Theorie sein kann, solange nicht Fähigkeiten und Fertigkeiten und Fortschrittliches und FVerkaufbares Inhalt des zeitlich abgemessenen Gelehrtwerdens ist, ist als Glaubenssatz gelerntes Grundwissen.

Entschuldigen Sie, geneigter Leser, aufmerksamer Aufpasser: woher kommt sie nochmal bitte, die Idee, die zündende, die den Betrieb aus der Mittelmäßigkeit an die Weltspitze katapultiert – nicht mit börsenreifen Betriebstricks, sondern mit genialen Innovationen?

Google ( https://www.google.com/intl/de/corporate/ ), der geliebte gehasste Große, dem man nachsagt, Ideenschmiede zu sein, macht es uns vor. Natürlich muss man hier funktionieren. Natürlich ist schlechter, wer schlichtere Ideen abliefert. Aber: Dass man Ideen, Neues, Innovatives also, nicht einfach in einer dafür vorgesehenen Minute „herunterladen“ kann, aus dem Nichts, das ist hier verstanden worden. Hier gibt es die Inseln für die Seele, die Rutschbahn und den Hängesessel. Das nichtgerade, das Nichteingefahrene. (Siehe und erblasse vor Neid: http://www.popgive.com/2008/03/google-office-in-zurich.html ).

(alle Bilder aus: http://www.popgive.com/2008/03/google-office-in-zurich.html )

Muse macht hier den Meister. Womit ich, spät aber sinnrichtig, beim Thema bin: Unserer (Berufs-)bildung fehlt die Muse! Kunstunterricht: keine Spur. Musikunterricht: Mangelware. Freies sinnfreies Schaffen: Fehlanzeige. Dichten, Improvisieren, Theaterspielen: liegt nicht auf dem vorgesehenen Weg zum verlässlichen Verkäufer.

Mensch, Meister, Leiter, Lenker — bedenke: Dass denkende Synapsen ein wenig Balsam und Seelenmassage brauchen wie der Motor das Öl und der Salat den Essig. Nur mit dem Motor der Kreativität werden aus denkenden Synapsen wertschöpfende Synapsen!

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Muselose Meisterschaft.

9. Oktober 2010 § Ein Kommentar

Wenn der Mensch funktionieren muss, bleibt für Muse kein Platz. Sagt man, weiß man. Muse ist für Träumer, muselose Meisterschaft meint mustergültiges Mitmachen im Schaffens-Wertschöpfungs-Prozess. (Der Schwabe, die Gattung und Art des prototypischen „Schaffers“, wird im alten Fasnachtsvolkslied charakterisiert mit den Worten „Schaff‘e schaff‘e Häusle bau‘e, noo ned na‘h de Mädle schau‘e …“).

Aktives Musikmachen hat im Lehrplan vieler Schulen, insbesondere in der Berufsbildung, keinen Platz.

Das sei nicht schlimm, sagen die einen; Musizieren sei schließlich eine Freizeitbeschäftigung, sagen die anderen; Musizieren sei einer elitären Minderheit vorbehalten und schließe die meisten aus, sagen die dritten. Und die meisten meinen dasselbe: Musik hat keinen Platz in einem Lehrplan, der sich am Ziel „in einem Beruf eine zentrale Rolle spielen und damit Geld verdienen“ orientiert.

Wer wolle, so das Argument, könne ja Musik studieren, dafür gebe es ja zahlreiche geförderte Angebote.

Das ist richtig und soll in keiner Weise in Abrede gestellt werden. Jedoch wird meines Erachtens ein Punkt vergessen, der (je nach Zeitalter und Forschungstradition) im Erziehungstheoretischen, im Didaktischen wie auch im Neurologischen beheimatet ist: Aktives insbesondere gemeinsames Musizieren aktiviert Gehirnregionen, die generell dem Lernen dienen; es lehrt zahlreiche Kompetenzen, die in allen Lebensbereichen zentral sind; und es schafft einen Ausgleich, den längst nicht alle Charaktere im (im Gegensatz zur Musik „verordneten“) Sportmachen finden. Die Möglichkeit gemeinsamen Musizierens, konkret in einer Schulband, einem Schulchor oder in einem Schulorchester, schafft, so meine These, eben auch an Schulen, die sich nicht mit musikalischer Weiterbildung beschäftigen wollen, ein Zusatzangebot, in dem Spaß am gemeinsamen effizienten Tun durch die sichtbare Bestätigung zu einer Erfahrung von schöpferischer Teamarbeit wird, die keine Theorie in gleichem Ausmaß vermitteln kann.

In einer kleinen Umfrage habe ich Schüler des schweizer E-Modells – erweiterte Berufsbildung – und des schweizer Berufsmaturamodells „Gesundheit und Soziales“ im Frühjahr 2010 befragt, welchen Stellenwert aktives Musizieren in ihrem Leben spielt, und ob sie sich von einem gemeinsamen Musizierangebot an ihrer Schule teilzunehmen sich vorstellen könnten.

Die Ergebnisse sprechen für sich und, ohne direkt Mahnung sein zu wollen, dafür, noch einmal nachzudenken, ob das aus Sicht auf die zu lehrenden Prüfungsinhalte zweckfreie Musizieren nicht doch einen (freiwilligen) Platz bekommen sollte im Schulalltag:

– Für fast alle (94%) gehört Musik hören zum Leben, Musik machen nur für 47%.

– Das Fehlen eines Schulchors und das Fehlen einer Schulband bedauern jeweils 41% der Befragten, ein klassisches Orchester vermissen nur 24% der Befragten.

– 71% derer, die einen Schulchor vermissen, wären dabei, wenn es einen gäbe. Insgesamt wären 41% der Befragten dabei. Die Interessenten am Schulchor sind gleichverteilt in kaufmännischen und „Gesundheit und Soziales“-Klassen.

– 63% derer, die eine Schulband vermissen, wären dabei, wenn es eine gäbe. Ingesamt wären 47% der Befragten dabei. Die Interessenten an einer Schulband sind zu 75% in Jahreskurs-„Gesundheit und Soziales“-Klassen. (Frage: haben diese mehr Zeit, mehr Motivation, oder mehr Sinn für Ziele im Leben?)

– 100% derer, die ein klassisches Schulorchester vermissen, wären dabei, wenn es eines gäbe. Insgesamt sind das 24% der Befragten. Die Interessenten an einem Schulorchester sind gleich verteilt in kaufmännischen und Jahreskurs-Klassen „Gesundheit und Soziales“.

– 71% der Befragten halten aktives Musizieren für einen Ausgleich zur Kopfarbeit, 53% glauben, dass Musikmachen Lernprozesse generell fördert.

Macht Muse manchmal doch den Meister? Ich komme zu dem Schluss, dass „unsere“ KV- und Jahreskurs-Lernenden Musik machen möchten. Insbesondere auch im Schulkontext. Die Lernenden – wenigstens – bringen das Musizieren in Verbindung mit einer Steigerung der Lernqualität und mit ganzheitlichem Lernen. Fehlt nur noch die Konsequenz derer, die die Lernpfade ebnen und die Inhalte einbringen und erwartungsvoll auf die Zukunft zeigen …

Gesucht: Deutsches Wort für „bloggen“

29. September 2010 § 4 Kommentare

Liebe Leute, als Linguist, Deutschlehrer, DeutscheSpracheRespektierer (und damit eben kein Schattenduscher oder Warmparker), und nun auch als WeltweiteTextBeiträgeAnAlleSchreiber muss ich dringend von Euch die folgende Antwort haben: Was um alle Welt heißt „bloggen“ auf deutsch? Ich verspreche hiermit, dieses Wort nie wieder schriftlich zu verwenden, solange mich niemand eines Besseren zu belehren in der Lage ist. Die offene, bewegende (!) Frage bleibt: was heißt b…. auf deutsch??

Danke für Antworten! LeTanneur alias M.W. aus K.

Hallo Welt

29. September 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Angekommen im Universum grenzenlosen Cyberplauderns werde ich mich hier nun also ein(b)loggen. Motiviert (oder von der Notwendigkeit überzeugt) durch eine laufende Weiterbildung in Berufspädagogik und IKT (www.phtg.ch) bei Max Woodtli (https://www.xing.com/profile/Max_Woodtli) werde ich die weltweite wildwuchernde Wissenswiese vor spontanen Ergebnissen mir eigenen Nachdenkens nicht weiter verschonen. Also: happy blogging. Sagt: LeTanneur, Alias M. W. in K.